Die Straßenbeleuchtung diente vor allem der Sicherheit der Bürger. Die Nachtstunden boten nämlich lichtscheuen Handlungen den nötigen Hintergrund und den Tätern die Möglichkeit, unentdeckt zu entkommen. Allein durch den Nachtwächter war dies nicht zu gewährleisten. Neben dem Schutz vor Raub und Diebstahl war aber auch die gefahrlosere Benutzung der Straßen ein Grund für die Straßenbeleuchtung. Wer in dunkler Nacht die Straßen passieren wollte, war genötigt, für sich oder sein Fahrzeug den Weg selbst durch Laternen, Fackeln, Lampions und sonstige Lichtquellen zu beleuchten.
Von den Petroleumlaternen, die nur an wenigen wichtigen Punkten, wie zum Beispiel an den Straßenabbiegungen, aufgestellt waren, ging nur eine geringe Leuchtkraft aus. Ihre Betreuung und Wartung waren aufwändig. Angezündet wurde jede Laterne mittels eines Zündstockes, das Löschen geschah mit einem Löschrohr. Zur Reinigung benötigte der Gemeindediener eine kleine Leiter. Bei einer Laterne angekommen, holte er die Lampe herunter, füllte Brennstoff nach und reinigte sie mit einem Putzlappen.
Als Anfang 1909 Pläne bekannt wurden, nach denen die Hannoversche Kolonisations- und Moorverwertungs-Gesellschaft mbH (HAKUMAG) im Schweger Moor ein Elektrizitätswerk errichten wolle, wurde in Lemförde der Wunsch auf Einrichtung einer Zentrale für die Beleuchtung des Ortes und der Wohnungen mit elektrischer Energie laut. Einige Bürger fanden sich bereit, eine schon bestehende maschinelle Einrichtung so auszubauen, dass die Anlagekosten im Rahmen blieben. Sie sollten möglichst nicht die Kosten überschreiten, die die bisherige Petroleumbeleuchtung verursachte.
Am 13. Februar 1909 fand im Hotel Hollmeyer eine öffentliche Versammlung statt, auf der der Dipl.-Ing. R. Dreyer, vereidigter technischer Sachverständiger der Handelskammer zu Bochum, über die Vorteile einer elektrischen Licht- und Kraftanlage referierte. Eine große Zahl an Einwohnern war erschienen um sich zu informieren. Sie erfuhren, dass als Kraftstation die Buddemeyersche Mühle vorgesehen war. Nun galt es für die Interessenten, die Lemförder Einwohnerschaft vom Vorhaben zu überzeugen. Am 25. September 1909 fasste der Gemeinderat einen ersten Beschluss: Die bisherigen Straßenlampen sollten, falls die Elektrifizierung erfolgen sollte, bis auf drei Lampen an den alten Standorten verbleiben.
Die HAKUMAG nahm Verhandlungen mit dem Kreis Grafschaft Diepholz zu dessen Elektrifizierung auf, deren Ergebnisse im Oktober 1910 in der Presse veröffentlicht wurden. In ersten Bauabschnitt sollte die Hochspannungsleitung bis zum 1. Oktober 1911 von Stemshorn über Lemförde, Marl, Hüde, Lembruch, Diepholz nach St. Hülfe ausgebaut werden. Jede Gemeinde, so auch Lemförde, sollte elektrische Energie geliefert bekommen, sobald ihre Grenze nicht mehr als 3 km von der nächsten Hochspannungsleitung der HAKUMAG entfernt sein und in der Gemeinde ein Anschlusswert von mindestens 25 Kilowatt nachgewiesen werden würde. In welchem Umfang in der Gemeinde dann das Niederspannungsnetz zur Verteilung des elektrischen Stroms an die Verbraucher ausgebaut werden würde, sollte davon abhängig gemacht werden, in welchem Maße Elektromotoren und Lampen installiert werden würden. Die HAKUMAG verpflichtete sich, für jedes installierte Kilowatt 40 Meter Niederspannungsleitung unentgeltlich zu bauen, weitere Leitungsstrecken dagegen nur gegen Zuschussleistung. Allerdings beabsichtigte die Gesellschaft, auf den Zuschuss die Hälfte der künftigen Strompreise so lange zurückzuerstatten, bis der Zuschuss vollständig zurückgezahlt war. Je mehr Gemeindemitglieder sich also gleichzeitig zum Bezug von Energie verpflichteten, desto größer würde das kostenlose Verteilungsnetz werden.
Das hörte sich für die Lemförder Einwohner zwar gut an, hatte jedoch einen Haken. Verweigerte jemand in einem Ortsteil den Anschluss ans Leitungsnetz, konnte es passieren, dass durch seinen Ausfall die erforderliche Länge der unentgeltlichen Leitungsstrecke nicht erreicht wurde und der nächste Nachbar im Dunkeln blieb. Der Leitungsausbau wurde zum Hauptgesprächsthema im Flecken. Ingenieur Kirchhoff von der Maschinengeschäftsstelle der Landwirtschaftskammer klärte auf mehreren Gemeindeversammlungen über den Nutzen der Elektrizität auf.
Die HAKUMAG legte der Gemeinde Lemförde einen Vertrag zur Freigabe der Gemeindewege zur Aufstellung der Leitungsmasten auf 25 Jahre vor, der am 9. Februar 1911 angenommen wurde. Man kam überein, auch die elektrische Straßenbeleuchtung mit 30 Lampen zu 25 Kerzenstärken zu installieren.
Am 12. August 1911 stand der Bau der Überlandzentrale der HAKUMAG im Schweger Moor bereits kurz vor der Vollendung. Am 2. November 1911 war auch mit dem Aufbau der Hochspannungsleitung von der Überlandzentrale durchs Plackenbruch bis zum Lemförde Bahnhof schon begonnen worden. Das Gestänge bis zur Bahn stand bereits. Für die Überquerung der Schienen lagen eiserne Masten bereit. Der Transformator sollte auf einer zum Besitztum der Familie Köhler (Amtshof) gehörigen Wiese zu stehen kommen. Die Hausinstallation in etwa 40 Häusern des Flecken Lemförde war fertiggestellt, 30 Kilowatt waren angemeldet worden.
Inzwischen hatte die HAKUMAG dem Lemförder Magistrat einen Kostenvoranschlag für die Straßenbeleuchtung vorgelegt, der sich auf etwa 1.800 M belief. Etwa 2.500 Meter Kupferdraht, 500 Meter Hacketdraht und 40 Meter Panzerrohr waren erforderlich, um die Elektrizität aus der Leitung den Glühbirnen, den 11 Holzmasten und 24 Wandarmen zuzuführen. Die Kosten für die benötigte Energie wurden auf jährlich ca. 200-300 M veranschlagt. Doch noch befürchteten die Lemförder Einwohner, der Magistrat könne von der Errichtung einer elektrischen Straßenbeleuchtung Abstand nehmen, da die bisherige Petroleumstraßenbeleuchtung einschließlich der Bedienung nur etwa 175 M an Kosten verursachte. Am 9. Februar 1912 faste der Gemeinderat einstimmig den Beschluss, die elektrische Straßenbeleuchtung herzustellen. Voraussetzung sollte jedoch sein, dass die Kosten 1.800 M nicht übersteigen und die Einwohner freiwillig 800 M zu den Kosten beisteuerten.
Die Einwohnerschaft stimmte der Kostenbeteiligung zu. Der übrige Kapitalbedarf sollte durch eine Anleihe gedeckt werden, die innerhalb von 15 Jahren beglichen werden sollte. Am 1. März 1912 teilte die HAKUMAG mit, in der darauffolgenden Woche mit dem Bau des Ortsnetzes zu beginnen und die Leitungen für die Straßenbeleuchtung zu verlegen.
Wünsche einzelner Bürger wurden vom Gemeinderat abgearbeitet. So drohte z. B. der Fabrikant Weber seine freiwillige Zeichnung von 200 M zurückzuziehen, falls die Gemeinde nicht bereit wäre, die noch fehlende Hängelampe an seiner Sohllederfabrik näher in Richtung seines Hauses mit einem Wandarm anzubringen. Um das Gesamtprojekt nicht zu gefährden, willigte die Gemeinde ein.
Am Abend des 26. Juni 1912 blitzten erstmals in einer Anzahl Häuser im Flecken die elektrischen Glühbirnen auf. Es ward Licht! Hotelier Hollmeyer war so begeistert, dass er sogleich den Entschluss fasste, den Schützenfestplatz im Espohl zum kommenden Schützenfest unter Benutzung der Hochspannungsleitung elektrisch zu beleuchten.
Und wie war die Lemförder Bevölkerung mit der elektrischen Energie zufrieden? Die Diepholzer Kreiszeitung zog am 10. August 1912 ein erstes Fazit: „Im allgemeinen gefällt sie sehr. Die Handhabung der Einschaltung geht leicht von statten, Schmutz ist nie vorhanden, damit fällt das Reinigen fort. Der Strom für Kraftbetrieb ist nicht zu teuer, sodaß man in Handwerksbetrieben und in der Landwirtschaft außerordentlich zufrieden ist mit der stets bereiten u. billigen Kraft.“
Die elektrische Straßenbeleuchtung wurde fertiggestellt. Am 11. April 1913 legte der Gemeinderat ihre Brenndauer auf die Zeit vom 15. April bis zum 15. September fest. Sie gewährleistete von nun an auch für den aufkommenden Automobilverkehr eine ausreichende Ausleuchtung der Straßen, ohne schon den heutigen Standard einer Straßenbeleuchtung zu erreichen.
Ludger von Husen
Quellen:
SgA Lemförde, LEM J 4 Nr. 1, Protokolle und Sitzungsniederschriften des Gemeinderats Lemförde 1870-1921
SgA Lemförde, LEM A 1 Nr. 162-173, Jahresrechnungen des Flecken Lemförde 1867-1900
Diepholzer Kreiszeitung, Jg. 1909-1913
Husen, Ludger von, Die Elektrizität hält Einzug, in: Stemshorn – Eine 750-jährige Gemeinde am Stemweder Berg, Diepholz 2003
Husen, Ludger von, Der Eintritt der Gemeinde Hüde ins Zeitalter der Elektrizität, in: Hüde – ein Dorf mit Zukunft, Rahden 2017






