Das im Archiv vorliegende Foto zeigt ein Automobil der frühen 1900er Jahre, 2-Sitzer, Cabrio (auch wenn dies zu der Zeit noch keine gebräuchliche Bezeichnung war), Rechtslenker, Ersatzmantel für die Holzspeichenräder und typische Hupe, deren Klang die meisten Menschen sich heute kaum vorstellen können.
Das Foto entstand um 1909 und zeigt das Automobil des Landarztes Dr. med. Hermann Braeker vor dem damals wie heute bekannten Doktorhaus (Doktorstraße Lemförde). Die Datierung ist möglich auf Grund verschiedener Informationen auf dem Foto und aus anderen Quellen. Schon zu der Zeit wurden in Deutschland amtliche Kennzeichen ausgegeben. Allerdings nicht wie heute je Landkreis, sondern je Provinz, Lemförde gehörte zur Provinz Hannover (Name der preußischen Provinz von 1866 – 1946). Dies zeigt das teilweise sichtbare Kennzeichen mit den ersten Buchstaben IS, welche der Provinz Hannover zugewiesen war.
Die Automobilbesitzer dieser Zeit wurden 1909 im Buch „Die deutschen Kraftfahrzeug-Besitzer … Deutsches-Automobil-Adressbuch“ zusammengefasst. In diesem findet man neben Kennzeichen, den Namen des Besitzers, Wohnort auch die Art des Kraftfahrzeugs. Aufgeführt sind beispielsweise „KrR. = Kraftrad“ und „BW. = Wagen zu Berufszwecken“, zudem noch viele weitere Arten wie „Lastwagen“ und „Wagen für Luxus, Vergnügungs- und Sportzwecke“. Das letzte ist jedoch keine Kategorie, der ein Automobil in der Umgebung angehörte.
Bei dem Fahrer handelt es sich um Wilhelm Dierking, im Adressbuch des Landkreises als Kutscher (1912) angegeben, er bewohnte das Nebenhaus des Doktorhauses zu seiner Zeit bei Dr. Braeker.
Der Arztsitz in Lemförde wurde von der Bezirksregierung in Hannover besetzt, die Praxis war im Doktorhaus beheimatet. Dr. Braeker wurde am 1. Oktober 1865 in Lüttringhausen (Sauerland) geboren, er studierte in Heidelberg, Tübingen, München und Würzburg und starb nach kurzer schwerer Krankheit am 20. Juli 1943 in Lemförde.
1895 kam Dr. Braeker nach Lemförde und wurde auch von der Reichsbahn als Bahnarzt bestellt. Kurze Zeit später ließ er sich als praktizierender Arzt nieder. Wie aus den Dokumenten hervorgeht, war er einer der ersten mit einem Automobil, sinnvoll im ländlichen Gebiet, da er auch Oppendorf und Oppenwehe mitversorgte. Die nächstgelegenen Fachärzte waren in Osnabrück und Bremen, eine Strecke für die allermeisten Bürger nur schwer zu bewältigen. Deshalb kappte Dr. Braeker auch Mandeln und war als Geburtsarzt tätig.
Das auf dem Foto sichtbare Automobil ist ein „Kolibri“ der NAW „Norddeutsche Automobil Werke GmbH“ aus Hameln. Sie bauten das entsprechende Modell von 1908 – 1909 mit 5 PS (2 Zylinder, 3,7 kW) Leistung, im Folgejahr 1909 – 1910 mit schon 8 PS (2 Zylinder, 5,9 kW), jeweils als 2-Sitzer. In den Jahren 1911 – 1919 kamen auch 4-Sitzer Modelle auf den Markt, teilweise mit geschlossener Kabine und bis zu 20 PS (14,7 kW).
Ein Auto von 1910 fuhr man mit viel Handarbeit und Geduld: Man startete es oft per Kurbel, musste die Zündung manuell einstellen, hatte eine einfache Schaltung ohne Synchronringe und fuhr mit niedriger Geschwindigkeit, meist auf unebenen Straßen, wobei das Fahrzeug selbst noch viel vom Fahrer verlangte – es war ein Abenteuer.
Zum Starten wurde eine Kurbel am Motor befestigt, um mit Übung und Kraft diesen manuell zu starten. Gleichzeitig musste über einen Hebel, meist am Lenkrad, der Zündzeitpunkt eingestellt werden, damit der Motor am Laufen gehalten wurde. Weit verbreitet waren einfache Dreigang-Schaltgetriebe (Leerlauf, erster Gang, zweiter Gang), was nicht mit den heutigen synchronisierten Schaltungen zu vergleichen ist, auch hier war viel Übung nötig. Wenn das Automobil erstmal lief, fuhr man jedoch nicht allzu schnell, zum einen auf Grund der maximalen Geschwindigkeit des Gefährts, zum anderen auf Grund der Straßenverhältnisse. Zu dieser Zeit verbanden meist schlecht ausgebaute Landstraßen, die Ortschaften und Ortsdurchfahrten waren mit Kopfsteinpflaster gepflastert. Somit erforderte das eigentliche Fahren auch Kraft, da eine Servolenkung wie heute nicht vorhanden war und alle Schläge von der Straße auf Grund der Reifen und Federung direkt über das Lenkrad auf den Fahrer übertragen wurden.
Andre Rogge
* Das Bild zeigt das Kennzeichen IS 2565, doch der Bucheintrag lautet IS 2561. Diese Diskrepanz lässt sich auf Grund der vorliegenden Informationen nicht erklären. Sowohl Kennzeichen als auch Bucheintrag könnten falsch sein. Das Kennzeichen IS 2565 lässt sich nicht in Registern finden.
Quellen
SgA Lemförde, LEM E9 Nr. 65
SgA Lemförde, LEM E4 Nr. 95
Digitale Bibliothek Braunschweig „Die deutschen Kraftfahrzeug Besitzer“ – Druck und Verlag von Greiner und Pfeifer 1909
NAW „Norddeutsche Automobil Werke GmbH“ – Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Norddeutsche_Automobilwerke / Stand 29.12.2025)

