Im Flecken Lemförde hat das Schützenfest eine lange Tradition. Der vermutlich erste Nachweis ist aus einer alten Gemeinderechnung aus dem Jahr 1800 ersichtlich. In ihr quittiert Christian Friedrich Groneweg, dass ihm Bürgermeister Groneweg für Logis und Bewirtung von 6 Musikanten, die bei einer Feier aufgespielt hatten, einen Geldbetrag für einen Tag und eine Nacht erstattet. Gestützt wird die Annahme durch den Fund eines leeren Aktendeckels, der die Aufschrift trägt: „Statuten des Schützenvereins Lemförde vom 7. und 8 Juli 1801“. Diese Mappe wurde 1941 zum Beweisstück für die Anerkennung des Gründungsjahres durch den Deutschen Schützenverband Gau Nordsee-Bremen, sodass der Schützenverein Lemförde 2026 auf eine 225-jährige Geschichte zurückblickt.
In den Gemeinderechnungen des frühen 19. Jahrhunderts fehlen weitere Hinweise. Dies könnte auf die politische Lage im Kurfürstentum Hannover in den frühen 1800er Jahren zurückzuführen sein. Napoleon schickte sich an, mit militärischer Gewalt Deutschland und Europa seiner Herrschaft zu unterwerfen. Das Kurfürstentum Hannover wurde annektiert. Es ging 1807 zunächst in Jérôme Bonapartes Königreich Westphalen auf und wurde dann 1810 Teil von Napoleon Bonapartes erstem Französischen Kaiserreich. Das Schützenwesen kam vorübergehend zum Erliegen, da die französischen Machthaber in den Schützengesellschaften eine militärische Gefahr sahen, aus der ihrer Meinung nach eine Art Partisanenarmee erwachsen könne. Alle Schützengesellschaften wurden daher 1809 aufgelöst. Zwar belegen Statuten aus den Jahren 1810 und 1811 den Versuch des Vereins, sich neu zu konstituieren, doch ist davon auszugehen, dass erst nach den Befreiungskriegen und der Entstehung des Königreichs Hannover 1814 das Schützenbrauchtum wieder gepflegt und Schützenfeste durchgeführt wurden.
Als der Magistrat zu Diepholz am 26. Juli 1845 der Königlich Hannoverschen Landdrostei in Hannover in einem Bericht mitteilte, dass der Wunsch nach Einführung eines Schützenfestes aus der Diepholzer Bevölkerung an ihn herangetragen worden sei, führte er an, dass seit einigen Jahren in den benachbarten Ortschaften Lembruch und Lemförde Schützengilden und Schützenfeste eingeführt worden seien, die unverkennbar mit zu großem Aufwand gehalten würden. Sie hätten den Charakter von Volksfesten, die auch von Auswärtigen stark frequentiert würden. Aufwand würde besonders von der mittleren Klasse der kleinen Fleckenbewohner getrieben. Der Diepholzer Magistrat sah mit Sorge, dass die Teilnahme mit erheblichen Ausgaben für die Anschaffung von Kleidungsstücken für die Familienmitglieder verbunden war. Da bei solchen Festen der eine nicht gerne gegen den anderen zurückstehen wollte, überstiegen die Kosten nicht selten die Vermögensverhältnisse der Teilnehmer. Diese sahen sich bisweilen sogar genötigt, Vermögensgegenstände zu versetzen, um das erforderliche Bargeld zu erhalten. Dorn im Auge des Amts Diepholz waren vor allem die Trinkgelage, die mit dem Volksfest verbunden waren. Von den Gewerbetreibenden in den kleinen Orten profitierten nur die Gastwirte, während die Kaufleute an den Schützenfesttagen kaum Einkünfte erzielten.
Die gebundene Rechnungslegung der Lemförder Schützenfeste der Jahre 1843-1845 gibt einen Eindruck vom enormen Aufwand, der mit dem Lemförder Schützenfest verbunden war, und enthüllt eine kuriose Begebenheit aus dem hannoverschen Königshaus. Sie befindet sich in Privatbesitz. Aufgefunden wurde sie beim Abriss des Anwesens Meyrose Nr. 1. Sie stammt vermutlich aus dem Nachlass von Franz Heinrich Wilhelm Meyrose (1800-1870), der von 1845-1868 im Flecken Lemförde das Amt des Bürgermeisters wahrnahm.
Gefeiert wurden die Schützenfeste zu dieser Zeit beim Hannoverschen Berghaus am Stemweder Berg. Sie dauerten zwei Tage und fanden montags und dienstags statt. Zuvor erwartete die Teilnehmer ein Einschreibungsverfahren. Die auf der Liste Stehenden verabschiedeten die erforderlichen Satzungen oder Statuten und wählten einen Vorstand mit einem Schützenpräsidenten an der Spitze. Der hatte vor allem für einen reibungslosen Festablauf zu sorgen. Teilnehmen durfte jeder Bürger oder Bürgerssohn, sowie jedes sonstige Mitglied des Schützenvereins. Frauen war die Teilnahme verwehrt. Wer das 50. Lebensjahr vollendet hatte, musste nicht mehr mit ausmarschieren.
Das Schützenfest des Jahres 1843, abgehalten am 18./19. Juni, sollte in Lemförde lange in Erinnerung bleiben. Am Montag, den 18. Juni, trat die Schützenkompanie um 11.00 Uhr auf dem Cordemannschen Hof (Doktorhaus) mit ungeladenen Gewehren zum Ausmarsch an. Erstmals trugen die Schützen Uniform: grüne Röcke, weiße Beinkleider und schwarze Wachstuchkappen. Dienstags setzte der Ausmarsch, zu dem auch der Schützenverein Lembruch geladen war, um 9.00 Uhr ein.
Der Festplatz war festlich hergerichtet. In der umliegenden Holzung hingen Lampen zur Beleuchtung, der Weg und das große Festzelt waren mit grünen Reisern geschmückt. Der Forstaufseher Hockemeyer besaß das Recht, innerhalb seiner Wohnung im Hannoverschen Berghaus Wirtschaft zu betreiben. Die Bewirtung auf dem Platz vor dem Hause und in den Zelten war für die Zeit des Schützenfestes verpachtet. Der Pächter hatte ein großes Schützenzelt und ein daran angebautes Schenk- und Speisezelt zu stellen, konnte jedoch den noch freien Platz zum Aufstellen weiterer Zelte an qualifizierte Wirte aus dem Flecken Lemförde gegen eine angemessene Entschädigung weiterverpachten. Für die Pacht des Schützenfestes des Jahres 1843 hatte der Lemförder Gastwirt Arnold Heinrich Groneweg für 50 Reichstaler (Rt.) den Zuschlag erhalten.
Im Hauptzelt spielte die Kapelle Lederhaus aus Salzdetfurth, bekleidet mit grünen Röcken, grauen Tuchbeinkleidern und grünen Wachstuchkappen, zum Tanz auf. In allen Zelten durfte Wein ausgeschenkt werden. Der Ausschank von Branntwein, Rum, Cognac und sonstigen geistigen Getränken war in den Zelten dagegen verboten. Bezahlt werden musste mit Bargeld.
Höhepunkt des Schützenfestes war das Vogel- und Scheibenschießen. Am Scheibenschießen konnte jeder Mann teilnehmen, der sich zuvor beim Schießzelt gemeldet und gegen Zahlung eines kleinen Geldbetrags („Eulengeld“) in eine Liste eingetragen hatte. Montags konnten die Teilnehmer für 16 Gutegroschen (gg.), dienstags für 1 Rt. ein Festzeichen erwerben, das zur Teilnahme am Schießen berechtigte. Für beide Tage zusammen war das „Eulengeld“ auf 1 Rt. 6 gg. ermäßigt.
Die Aufsicht über das Schießen war an einen Fachmann aus Osnabrück vergeben, der sich für das Schießen auf die Scheiben und den Vogel bezahlen ließ, die Gewehre und die Munition stellte, den Schützen die geladenen Gewehre persönlich überreichte und die Einhaltung aller Sicherheitsbestimmungen beim Königsschießen gewährleiste. Zwei Leute zum Gießen der Munition und Laden der Gewehre musste der Schützenverein selbst stellen. Für die Zuschauer beim Schießen war ein durch Linien begrenzter Raum abgesteckt, um Unfälle zu vermeiden. Betreten durfte ihn nur, wer zuvor für 2 gg. eine Karte gelöst hatte.
Der Schützenkönig wurde durch ein Schießen auf Scheiben ermittelt. Jeder teilnehmende Schütze hatte zwei Schuss, die er jedoch nicht eigenhändig abgeben musste. Er konnte sich auch jemanden suchen, der sie stellvertretend für ihn abgab. Neben den Schützen aus dem Kreis der Bürger, Bürgerssöhne und Vereinsmitglieder traten Schützen an, die stellvertretend für den König von Hannover, für den Kronprinzen und für die Kronprinzessin Ehrenschüsse abgaben. Den Flecken Lemförde vertrat beim Schießen Bürgermeister Groneweg, das Amt Lemförde der Amtmann Wagemann und den Schützenverein sein Präsident, der Amtsassessor Hauss.
Vor allem die hübsche Kronprinzessin Marie verzauberte damals die Bevölkerung, Ein Blick ins Schießprotokoll lässt erahnen, dass es wohl kein Zufall war, dass beim Schützenfest des Jahres 1843 von einem der Ehrenschützen im Namen der Kronprinzessin der „beste Schuss“ abgegeben wurde. Kronprinzessin Marie von Hannover errang damit unter dem Jubel der Anwesenden die Königswürde. Der Ruf „Hoch lebe die Kronprinzessin, hoch lebe die Königin unseres Festes!“ erscholl auf dem Festplatz aus jedem Mund.
Bereits am Tag nach dem Schützenfest setzten die Mitglieder des Vorstands des Schützenvereins Kronprinzessin Marie von Hannover von der Erringung der Königswürde in Kenntnis, huldigten ihrer neuen Schützenkönigin, boten ihr die Schirmherrschaft über den Schützenverein Lemförde an und sandten ihr, versehen mit einem Anschreiben an den Hauptmann von Frese mit der Bitte um Überreichung, die Insignien des Schützenkönigs zu:
„Durchlauchtigste Prinzessin, Allergnädigste Kronprinzessin.
(…) Ihre Königliche Hoheit wagen wir in tiefster Verehrung um die huldvolle Annahme des Protectorats über den hiesigen Schützen-Verein unterthänigst zu bitten und zu ersuchen, in Gnaden über das dem Schützenkönig nach altem Brauch zukommende bürgerliche Ehrenzeichen, nämlich ein gesticktes breites Band mit silbernem Schilde, welches dem unterthänigst mitunterzeichneten Amts-Assessor, als treuem Diener Ihrer Königlichen Hoheit und als zeitigem Präsidenten des Schützen-Vereins von dem Vorstande einstweilen zugestellt wurde, für dieses Jahr verfügen zu wollen. (…)“
Gespannt wartete nun der Lemförder Schützenverein auf eine Rückmeldung der Kronprinzessin. Die Zeit verging. das kommende Schützenfest stand bereits vor der Tür. Es sollte am 17./18. Juni 1844 gefeiert werden. Am 5. Mai 1844 erneuerte der Vereinsvorstand seine Eingabe und verband sie mit der Einladung der Kronprinzessin zum Lemförder Schützenfest. Am 11. Juni 1844 traf ein Schreiben des Hauptmanns von Frese ein mit der Antwort der Verwaltung der Hand und Gutwill Casse der Kronprinzessin Marie von Hannover:
„Auf höchsten Befehl Ihrer Königlichen Hoheit, der Frau Kronprinzessin, habe ich die Ehre, dem Wohlleiblichen Schützen-Verein zu Lemförde in Folge des am 19. Juni 1843 bei Gelegenheit des Schützenfestes daselbst für Höchstdieselben gefallenen besten Schusses, beifolgenden silbernen Pocal zu übersenden, welchen Ihre Königliche Majestät, die Frau Kronprinzessin, dem Schützen-Verein zu Lemförde gern zum Geschenk machen und zugleich diesem Vereine Höchst-Ihre gnädigen Bestimmungen hiedurch aussprechen lassen.
Die Insignien des Schützen-Königs werden hieneben zurückgesandt und wünschen Ihre Königliche Hoheit, daß beim diesjährigen Ausmarsche derjenige sie trägt, welcher im vorigen Jahre den letzten Schuß gethan hat.“
Am Schützenausmarsch 1844 nahm Kronprinzessin Marie von Hannover als designierte Lemförder Schützenkönigin demnach nicht persönlich teil. Sie ließ sich vertreten. Der silberne Pokal wird heute noch vom Schützenverein in Ehren gehalten, auch wenn kein Schütze mehr den Anlass der Pokalüberreichung kennt. Er trägt die Inschrift: „Marie, Kronprinzessin von Hannover, dem Schützenverein zu Lemförde am 18. Juni 1844.“
Prinzessin Marie von Sachsen-Altenburg, Kronprinzessin von Hannover, seit dem 18. Februar 1843 verheiratet gewesen mit Prinz Georg Friedrich Alexander Karl Ernst August von Hannover, einem Cousin ersten Grades der preußischen Könige Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. sowie der britischen Königin Victoria, wurde nach dem Tod ihres Schwiegervaters Ernst August von Hannover am 18. November Königin von Hannover.
Die Verbundenheit des Lemförder Schützenvereins zum welfischen Königshaus blieb bis ins 20. Jahrhundert bestehen. Zum 150. Lemförder Schützenfest am 23.-25. Juni 1951 konnte der Verein hohen Besuch aus Braunschweig begrüßen: Königin Maries Enkel Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, Prinz von Hannover, mit seiner Gattin Viktoria Luise, der einzigen Tochter des preußischen Königs und Deutschen Kaisers Wilhelm II., und ihren Sohn, Erbprinz Ernst August.
Königin Maries Ehemann Georg V. von Hannover war übrigens der erste Schützenkönig im Tostedter Schützenverein von 1854 e. V. Ein Schützenbruder aus dem Verein gab für den erblindeten König den Königsschuss ab. Die Tostedter Schützen führen seitdem enge Bezüge zum Königreich Hannover und tragen heute noch die Uniform der Hannoverschen Jäger. Welche Uniform die Lemförder Schützen wohl künftig tragen werden?
Ludger von Husen
Quellen:
NLA HA Hann. 80 Hannover Nr. 18258, Beantragte Einführung eines Schützenfestes zu Diepholz 1845-1850
SgA Lemförde, LEM E 2 Nr. 12, Rechnung über die Einnahme und Ausgabe bei dem Lemförder Schützen-Feste 1843-1845










