Das Manuskript „Chronik der Familie Kammerahl“ von H. Kammerahl, angefertigt am 7. April 1942 anlässlich der Goldenen Hochzeit ihrer Eltern am 16. April 1942, ist als Einzelstück handschriftlich verfasst und wurde als fotokopierte Kleinauflage im Familien- und Verwandtschaftskreis weitergereicht. Als Hof- und Familienchronik bildet es eine spezifische Art der Geschichtsschreibung. Ausgehend vom elterlichen Bauernhof und dem Stammbaum seiner Bewohner schildert die Autorin in chronikalischer Form frühe urkundliche Erwähnungen sowie andere Beschreibungen und Darstellungen der Geschichte des Hofes Kammerahl und der Bewohner aus verschiedenen Quellen wie Kirchenbüchern und Familiendokumenten. Hinzu treten biographische Aufzeichnungen und Befragungen von Personen aus der Verwandtschaft.
Die Ende des 16. Jahrhunderts von Roleff Prote o. Camerals Ossenvoet gegründete Hofstelle Kammerahl liegt an der Straße „Im Bogen“ in Hüde und führt heute die Hausnummer 2. Die alte Haus- und Brandkassennummer war 23. In alten Registern ist sie als Halbköthnerhof geführt. Ihre Besitzer waren noch im 19. Jahrhundert eigenhörig an die Landesherrschaft. Das Baujahr des Hauses ist nicht bekannt.
‚Kotten, Kate‘ ist die Bezeichnung für ‚Hütte, geringes Haus‘ und meint in der Region Lemförde ein Fachwerkhaus von geringer Größe. Seine Bewohner waren „kleine Leute“ mit wenig Besitz, geringem gesellschaftlichen Ansehen und mangelndem Einfluss im Dorf. Die Landwirtschaft reichte zur Versorgung geradeso aus, meist mussten die ‚Kötter‘ zusätzlich einen Handwerksberuf oder Nebenverdienst (Leinwandherstellung, Wanderarbeit) ausüben. Sie standen allerdings nicht am untersten Ende der ländlichen Gesellschaft. In der sozialen Rangfolge kamen hinter ihnen noch die Brinksitzer, die An- und Abbauer, Heuerleute sowie Tagelöhner, Mägde und Knechte.
Besondere Kapitel und Illustrationen des Manuskripts sind den Darstellungen des Hofes und seiner Umgebung gewidmet. In ihnen hat die Autorin nicht nur die eigenen Kindheitserinnerungen an ihr Elternhaus festgehalten, sondern auch das, was ihre Eltern und Großeltern ihr über das Leben der Vorfahren in diesem Hause berichtet haben. Sie vermitteln das Bild einer für die Dümmerregion typischen Kate.
Auch wenn die Texte mit dem Zeitkolorit der NS-Zeit behaftet sind, sind sie im Wortlaut der Autorin wiedergegeben.
„Wenn man vor diesem Hause steht, welches am äußersten Ende des Dorfes liegt, dann macht es zunächst einen recht unscheinbaren Eindruck. Und doch birgt es im Innern, für Mensch und Tier, Raum genug, um in den Jahrhunderten für Generationen Glück und Freud zu beherbergen, auch tiefes Leid hat unter diesem Dache gewohnt.
Ebenso hat viel bäuerlicher Schweiß und harte Arbeit diese Scholle in Wohlstand bis auf den heutigen Tag erhalten. Seine Söhne und Töchter sind in die Welt gegangen, aber alle hat es wieder hingezogen zu diesem Flecken Erde, ihrem ‚zu Hause‘.
Fast direkt am Dümmer gelegen – eine Wasserschneise geht bis unmittelbar ans Gebäude – ist auf der gegenüberliegenden Seite ein schöner Obstgarten. Hinter dem Hause befindet sich der Gemüsegarten. Dahinter ein Stück Wiese und dann befindet man sich im sumpfigen Vorgelände des Dümmers. Es ist vollkommen mit ‚Rheit‘ bewachsen. ‚Rheit‘ ist es auch, womit das Dach gedeckt ist. Es hält im Winter warm und bietet im Sommer Kühle.
Rechts vom Haus befindet sich auch der Ziehbrunnen (Soot). Eine Bretterumrandung schützt vor dem ‚Hineinfallen‘. In einem gabelförmigen Baumstamm ist, durch einen Bolzen drehbar, ein langer Balken eingelegt. Am kürzeren Ende, das über die Mitte des Brunnens zeigt, ist ein langer Stab befestigt. An diesem befindet sich ein Haken, an dem man den Eimer befestigen kann. Die längere Seite hat zum Ausgleich noch Gewichte. Nun wird die Stange mit dem Eimer bis auf die Wasseroberfläche heruntergelassen und mit einem schwungvollen Herabdrücken des Eimers derselbe gefüllt, hochgelassen und abgehakt. So muss das Wasser für Mensch und Vieh täglich herausgebracht werden.
Noch einige Schritte gegangen, und man befindet sich am Dümmergraben, das ist die Wasserstraße, auf der man mit dem Boot auf den Dümmer fährt. Hier auf dem Wassergraben sieht es aus wie im Bootshafen. Boot liegt da an Boot. Der Graben muss natürlich sauber gehalten werden, da er sonst zuwachsen würde. Jetzt ist die Reinigung des Grabens vernachlässigt worden, da das Befahren des Dümmers nicht mehr wie früher notwendig ist. Die Bootsflotte ist nicht mehr vorhanden. Der Graben ist fast vollkommen verwachsen. Die Regulierung des Sees und der durchfließenden Hunte haben diesen Gewässern andere Aufgaben gestellt. Das Idyll einer Segel- oder Ruderpartie auf dem Dümmer erleben jetzt die Städter des Ruhrgebiets oder Bremer Familien. Moderne Ruder- und Motorboote haben den Arbeitskahn des Hüder Bauern abgelöst. Die Ausfahrtpunkte der Sommergäste des Sees liegen an anderen Stellen – der Hüder Wassergraben ist nicht mehr. Bis um 1914 war der Dümmer noch ein Arbeitsgebiet und auch im Winter wie im Sommer ein Platz der Entspannung und der Erholung für den Anwohner, aber davon an anderer Stelle.
Der Dümmer ist ein fischreiches Gewässer, wie seine Umgebung mit Schilf und Rohr (Rheit) bewachsen, die auch dem Flugwild Unterschlupf gewähren. Im 16. und 17. Jahrhundert ist deshalb die Entenjagd dort auch in starkem Maße betrieben worden. Der Fischereibetrieb war eine lohnende Beschäftigung, und gerade in Hüde haben die Gebrüder Winter als Fischereipächter dieses richtig erkannt gehabt. Der Dümmeraal ist wohl einer der feinsten Leckerbissen. Früher haben wohl die Anwohner des Dümmers auch auf eigene Faust Fischfang betrieben und ihrer Küche manche Mahlzeit Fische zugeführt. Auch die Jagd war auf dem Dümmer nicht nur den Pächtern eigen – mancher Wildschütze hat sich eie wilde Ente oder Gans aus der Luft geholt.
Da der Dümmer ein seichtes Gewässer ist – er ist in der Hauptsache wohl nicht mehr als 1,50 m tief – ist er auch eine herrliche Badegelegenheit. In seiner Mitte wachsen die Rüschken, ein Binsengewächs, welches den Anwohnern ebenfalls eine Verwendungs- und Erwerbsmöglichkeit gab. Aus den Rüschken, die unter dem Wasserspiegel geschnitten und dann an der Sonne getrocknet wurden, ließen sich Matten in allen Formen und Größen flechten. Auch Möbel (Stühle, Sessel) wurden damit bezogen. Das am Ufer wachsende Rohr benutzte man zum Decken der Wohnhäuser. So hat der Dümmer seinen Anwohnern vieles zum Lebensunterhalt zu geben gehabt.
Aber auch sonst hat der Dümmer seinen Anwohnern viele Möglichkeiten eröffnet. Durch Kähne mit flachem Boden ist der Dümmer befahrbar und bietet manche Transportmöglichkeit. Aus dem anliegenden Moor wurde der Torf und von anliegenden Wiesen das Heu über den Dümmer geschoben. Dieser Ausdruck kommt daher, weil das Boot, wenn man nicht segelte, mit einem Staken vorwärts geschoben wurde. So waren die Anwohner mit dem Dümmer verbunden und verwachsen und wenn heute sogar Badestrand, Segeljachten und Motorboote dem Dümmer das Gepräge geben, dann ist er neben den Anwohnern auch der Freund des Fremden geworden.
Um zum Anwesen zurückzukehren, stand zwischen Graben und Wohnhaus noch ein Stall- und Wagenunterstellschuppen. Hier war der Schweinestall und im vorderen Teil ein Wagenabstellraum. So ist das Wohnhaus heute noch ein Stück alte Geschichte geblieben. Neue Menschen haben Neues geschaffen, die Lebensverhältnisse und Anschauungen haben sich verändert, aber im alten Lehm- und Fachwerkbau steht heute noch das Anwesen der Kammerahls in Hüde. Und der junge Bauer wird die Verbundenheit mit seinem Anwesen fühlen und leben, wie seine Vorfahren es getan haben.
Betritt man das im niedersächsischen Stil gehaltene Wohnhaus durch die scheunenmäßige Tür, dann erkennt man sofort, daß hier auch das Vieh Unterschlupf findet. Die große Diele (Tenne) besteht aus Lehmfußboden; hier wird auch das Korn ausgedroschen. Dieses wurde zur damaligen Zeit mit dem Dreschflegel gemacht. Rechts und links sind Boxen abgeteilt, das sind die Stallungen für Pferde und Kühe. Die Schweine sind in Ställen außerhalb des Hauses untergebracht. Da aber die Kühe gleichzeitig auch Spanndienste leisten müssen, hängt auch das Geschirr gleich in greifbarer Nähe. Der Boden des Hauses ist zugleich Futter- und Getreidespeicher. In der Erntezeit können sie vollbeladenen Wagen in das Haus einfahren.
Im Hintergrund des Gebäudes ist in der ganzen Breite ein Durchgang. An beiden Seiten sind Türen, die ins Freie führen. Diese Türen sind zweiteilig, sodaß man den oberen Teil offenhalten kann, während das untere geschlossen ist. Die Türen im Hintergrund des Bildes führen in die Wohn- und Schlafräume. Diesseits des Durchgangs sind ebenfalls noch Räume abgeteilt. Rechts stand bis 1900 noch eine Webmaschine (Webstuhl). Und jedes junge Mädchen (in Hüde ‚Wicht‘ genannt) war bis zur Jahrhundertwende noch stolz darauf, sich ihr Leinen zur Aussteuer selbst gewebt zu haben. Natürlich war auch das Spinnrad vorhanden. Später wurde dieser Raum als Milchkammer benutzt. Auf Borte standen die Schüsseln (Setten) mit Milch, damit der Rahm (Schmand) sich oben setzte. Nach einiger Zeit wurde er in einen besonderen Behälter abgepustet. War genügend Rahm vorhanden, dann kam er ins Butterfass und es wurde gebuttert,
Der linke Raum war als Knechte- oder Mägdekammer bekannt. Im Wohnzimmer befanden sich die ‚Schlafbutzen‘. Das sind wie Schränke abgeteilte Kästen mit Schiebetüren, in denen sich in etwa 1,00 m Höhe die breiten Betten befanden. Die Unterlage bildete ein Strohsack, und als Deckbatt und Kopfkissen benutzte man grobes Leinen, mit Gänsefedern gefüllt. Diese Butzen, Alkoven genannt, wurden erst um 1920 entfernt. Die Möbel waren derb, die Stühle wurden mit ‚Rüschen‘, einem Dümmergewächs, bezogen. Von den Rüschen oder Rüschgen wurden auch Matten und Vorleger geflochten. Dr Fußboden wurde mit weißem Sand bestreut – auch darin zeigte die Hausfrau ihren Stolz.
In der Mitte des Durchgangs befand sich auf einem aus Ziegeln und Lehm gemauerten Block der Küchenherd. Hier wurde auf offenem Feuer gekocht und gebraten. Ein großer Topf auf dem ‚Dreibein‘ kochte den ganzen Tag mit Wasser. Als Feuerung diente Holz und Torf. Der Torf wurde auf eigenem Torfmoor gestochen. Durch den Umstand des offenen Feuers war natürlich eine starke Rauchentwicklung bedingt. Wenn die Luft draußen ‚dick‘ war, war sie drinnen noch viel dicker. Es konnte sich niemand mehr sehen und die Augen tränten. Aber der Rauch war gut für Wurst, Speck und Schinken. Diese Dinge hingen dann auch, sichtbar für jedermann, gleich unter der Decke am Balken.
So war und ist dieses Haus im Innern eine Unterkunft für Mensch und sein Haustier, das richtige deutsche Bauernhaus.“
Ludger von Husen





