Was heute Hochglanzprospekte, Apps und Internetseiten sind, war seinerzeit ein einfaches, kleines und oft dünnes Heftchen. „Lemförde und seine Umgebung“ lautet der Titel einer undatierten Broschüre, die der Lehrer Fritz Lohmeyer in Wagenfeld verfasste. Der Autor wurde am 27. Mai 1894 in Quernheim geboren. 1913 legte er die Lehrerprüfung am Lehrerseminar in Hameln ab. Seine erste Lehrerstelle trat er 1914 in Pohle bei Springe an, wurde aber kurz darauf nach Wagenfeld-Bockel versetzt, kam als Soldat an die Front und geriet in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1921 zurückkehrte. Bis 1926 wirkte er anschließend als Lehrer in Wagenfeld und übernahm danach eine Lehrerstelle in Düste.
Verlegt wurde die Werbebroschüre vom Verlag des Jugendbund-Heims in Lemförde. Der Niedersächsische Jugendbundverband hatte 1924 die noch im Bau befindliche „Villa Becker“ an der Hauptstraße in Lemförde erworben und nutzte sie nach Fertigstellung als „Christliches Ferien- und Erholungsheim“. Ihr angegliedert war eine Baracke, in der eine Jugendherberge betrieben wurde.
Dies grenzt die Entstehungszeit der Werbebroschüre auf die Zeit von 1924-1926 ein. Ein handschriftlicher Randvermerk des Stemshorner Regionalgeschichtsforschers Willy Moormeyer datiert sie auf 1926.
Die Werbebroschüre beginnt mit den Worten: „ Wer ein schönes Flecklein Erde sucht, das zugleich von dem großen Schwarm der Modetouristen noch nicht ‚entdeckt‘ und überlaufen ist, der findet sich reich belohnt durch einen Aufenthalt in dem lieblichen Lemförde.“
Der Text ist voller großartiger Formulierungen zu Lage und Umgebung Lemfördes. Den besonderen Reiz der Gegend sieht die Werbebroschüre im Beieinander des Buchenhochwalds des Stemweder Bergs, des nahe gelegenen Dümmer Sees, der seinen urwüchsigen Charakter der Uferlandschaft bewahrt hat, und des historischen Burgfleckens Lemförde. Der Fokus liegt auf dem geschriebenen Wort, der Einsatz von Fotografien ist eher spärlich und beschränkt sich auf jeweils ein Foto vom Lemförder Ortskern, von einer Partie des Stemweder Bergs und von der Abendstimmung am Dümmer. Bei der Gestaltung des Einbands wurde ganz auf Fotos verzichtet. Der Name des Fotografen ist nicht angegeben.
Abgerundet wird die Beschreibung der einzigartigen Landschaft mit ihren Sehenswürdigkeiten und Wanderwegen durch eine integrierte „Wanderkarte“ und durch Inserate heimischer Firmen. Das Fazit des Verfassers lautet: „Die Abwesenheit jeglicher Industrie mit ihrem Lärm, zusammen mit dem friedlichen Charakter der nüchternen und sparsamen Bevölkerung, machen die Gegend zu einem idealen Erholungsort für Großstädter“.
„Lemförde, ein lieblicher Ort voll Anmut und Schönheit“ – mit diesen Worten beginnt die Beschreibung des Flecken Lemförde in einer weiteren Werbebroschüre aus Lemförde. Gedruckt wurde sie in der Schröderschen Buchdruckerei in Diepholz. Den Einband mit dem Titel „Lemförde“ und dem Untertitel „Luftkurort“ ziert eine Abbildung des Ortsdurchfahrt, flankiert von alten Ackerbürgerhäusern, mit Blick auf Schule und Kirche.
Erscheinungsjahr und Herausgeber sind nicht genannt. Vermutlich verbirgt sich hinter dem Herausgeber der lokale Verkehrsverein. Am 16. April 1929 vermeldete die Lemförder Zeitung: „Es hat sich hier eine Anzahl Herren zu einem Verkehrsverein zusammengeschlossen. Wie schon der Name besagt, ist der Verein bestrebt, den Fremdenverkehr während der Sommermonate zu fördern und will zu dem Zwecke in der Presse des westfälischen Industriebezirks durch Inserate Propaganda machen. Die beim Verein eingehende Anfragen wegen Unterkunft und Verpflegung in geeigneten Gast- und Privathäusern werden in erster Linie den Vereinsmitgliedern zugeführt. Deshalb sollten alle Interessenten die Bestrebungen unterstützen und dem Verein beitreten. Geschäftsführer ist Herr Heinrich Harting, von dem weitere Auskunft erteilt wird.“
Der Verkehrsverein unter Geschäftsführer Heinrich Harting (1879-1963), von dem die Fotos für die Broschüre stammen, initiierte eine intensive Werbekampagne, die der Flecken Lemförde mit einer Geldzuwendung unterstützte. Dazu dürfte die Herausgabe der Werbebroschüre gezählt haben.
Nach einem kurzen Abriss der lokalen Geschichte weist die Broschüre auf die besondere Eignung Lemfördes als Luftkurort hin: „Lemförde ist kein lauter Kurort, sondern ein behaglicher und beschaulicher und doch schöner Aufenthaltsort, in dem der Erholungssuchende seine Nerven, die in der heutigen stark pulsierenden Zeit so außerordertlich angespannt werden, wieder stählen kann. Für Ausflüge in die nahe und ferne Umgebung stehen Autos zu billigem Preise zur Verfügung.“
Zur Wohnsituation und zur Verpflegung verkündet die Broschüre: „Zahlreiche Pensionen, Hotels und Gasthäuser gewähren den Kurgästen angenehme Unterkunft. Die Verpflegung ist gut und reichlich. […] Gesunde Milch ist überall in reichlichen Mengen zu haben. Die Preise für volle Pensionen bewegen sich zwischen 3,50 und 4.- RM. Kurtaxe wird nicht erhoben.“
Ein Unterkunftverzeichnis, wie es in den Werbebroschüren aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu finden ist, das die die Adressen und Telefonnummern der Hotels und Pensionen vor Ort auflistet und Informationen über das spezifische Angebot der Unterkünfte liefert, war noch nicht vorhanden. Lediglich eine zentrale Auskunftserteilung unter der Telefonnummer 434 des Geschäftsführers des Verkehrsvereins war eingerichtet.
Da zu jener Zeit vor allem Wanderungen und Ausflüge sehr beliebt waren, wurde die reizvolle Umgebung des Luftkurorts Lemförde „zwischen Bergwald und Landsee“ in die Werbung miteinbezogen. Hauptanziehungspunkt bildete der Dümmer See: „Die Schönheit des Dümmers liegt in seiner Einzigartigkeit. Man darf keinen prachtvollen Strand im sonstigen Sinne voraussetzen. An den Ufern und weiter im See selbst wachsen Binsen und Rohr, die dem Ganzen ein bestimmtes Gepräge geben. Hier ist noch unberührte Natur und daher so anziehend. […] Der Dümmer bietet die verschiedensten Erholungsmöglichkeiten; man kann rudern, segeln oder auf alten Fischerkähnen hinausstaken und im sauberen Wasser zwanglos baden. Im heimatlichen Stile angelegte Strandhallen in Hüde und Lembruch tragen Sorge für das leibliche Wohl der Besucher.“
Geworben wurde auch mit den Reizen des Stemweder Berges: „Wunderbare Buchenbestände sind besonders bemerkenswert. Im Walde und an den Berghängen findet man eine reichhaltige Pflanzen- und Tierwelt. In der Nähe des Hannoverschen Berghauses horstet noch in einem hochstämmigen Bestande der Fischreiher, der sonst in Deutschland so selten geworden ist. […] Wer sich auf seinen Wanderwegen erquicken will, findet gastliche Aufnahme im Hannoverschen Berghause und auf der Wilhelmshöhe. Die Aussicht vom Berge ist ungemein reizvoll. […] Von dem Wilhelmsturm auf dem Scharfenberg hat man eine ausgezeichnete Fernsicht auf wohlhabende Siedlungen, das Wiehengebirge mit der Porta und den Teutoburger Wald.“
Finanziert wurde die Broschüre durch Kleinanzeigen. Auf nicht weniger als 12 Seiten hatten lokale und regionale Gastronomie- und Gewerbebetriebe Anzeigen geschaltet. Zielregion für die Werbung war vor allem der nahegelegene Bielefelder Raum und das Ruhrgebiet, dessen Bewohner/innen für Tagesausflüge und Wochenendtrips in den Flecken Lemförde gelockt werden sollten. Dass man für eine solche Werbemaßnahme auf Werbebroschüren und Anzeigen setzte, war durchaus zeitgemäß, stellten diese doch für den Verkehrsverein eine finanzierbare Möglichkeit der Werbung und des Sich-Bekanntmachens dar.
Dass die Werbemaßnahmen des Verkehrsvereins bereits nach kurzer Zeit erfolgreich waren, ist einer Notiz in der Lemförder Zeitung vom 24. Mai 1929 zu entnehmen: „Der neu gegründete Verkehrsverein von Lemförde hat schon ausgezeichnete Erfolge erzielt, so daß viele Fremde zum Aufenthalt in Lemförde angemeldet sind. Durch Anzeigen im Industriebezirk melden sich täglich Fremde, so daß schon eine Anzahl Lemförder Bürger dazu übergegangen sind, Fremdenzimmer zur Unterbringung von Kurgästen einzurichten.“
Ludger von Husen
Quellen:
Lemförder Zeitung v. 16.04.1929, 24.05.1929
Lohmeyer, Fritz, Lemförde und seine Umgebung, Verlag Jugendbundheim, Lemförde o. J.
NN, Lemförde Luftkurort, Schrödersche Buchdruckerei, Diepholz o. J.






