Die Geschichte der Sportvereine in Deutschland reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, als unter dem Einfluss von „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn patriotische Turn- und Leibesübungsvereine entstanden. Diese Vereine hatten zunächst militärische Ziele, entwickelten sich aber, wie der TuS Lemförde, im Laufe der Zeit zu modernen Sportvereinen.
Über die Anfänge des Turnens in Lemförde bietet die Quellenlage nur wenig. Urkundliche Nachweise über die erste Gründung eines Turnvereins sind nicht aufzufinden. Nach einer Notiz des Diepholzer Lokalhistorikers Dr. Wilhelm Kinghorst, der als Schriftführer des 1905 ins Leben gerufenen Turnverbandes „Friesen“ fungierte, soll der Turnverein Lemförde im Jahr 1905 gegründet worden und anschließend dem Verband beigetreten sein. Die Festschrift „75 Jahre TuS Lemförde“ erwähnt, dass nach Erinnerungen älterer Vereinsmitglieder der Entschluss, einen Turnverein zu gründen, in der Gaststätte „Börse“ bei Sander in der Kochstraße gefasst worden sei.
Die Diepholzer Kreiszeitung berichtet erstmals am 14. August 1906 über die Teilnahme des Turnvereins Lemförde am II. Turnfest des Turnverbandes „Friesen“ am 12. August 1906 in Diepholz in den festlich geschmückten Sälen und Gartenanlagen der „Kaiserhalle“, das gleichzeitig als 30. Stiftungsfest des Männerturnvereins Diepholz gefeiert wurde.
Die Wettkämpfe auf dem Turnfest wurden als Zwölfkampf durchgeführt: je drei Übungen mussten an Barren, Reck und Pferd ausgeführt werden, je eine volkstümliche Übung im Hoch- und Dreisprung sowie im Steinstoßen. Disziplinen der Leichtathletik gehörten demnach bereits zum Repertoire der Turner. Der Turnbetrieb in Lemförde konnte damals zunächst unter der Leitung des Turnlehrers Schwarze aus Dielingen wohl nur in bescheidenem Maße durchgeführt werden, da sich Lemförder Turner auf dem Turnfest noch nicht in die Siegerliste des Wettkampfturnens eintragen konnten.
Neben dem sportlichen Tun spielten Geselligkeit und Beiträge der Turner zum kulturellen Leben in Lemförde von Anfang an eine große Rolle. Am 6. Dezember 1906 hielt der Turnverein im Hotel Hollmeyer eine Generalversammlung ab, in der beschlossen wurde, am 30. Dezember 1906 ein Stiftungs- oder Winterfest mit Theateraufführungen und einem Festball zu feiern. Da Turnlehrer Schwarze nicht mehr zur Verfügung stand, wollte der Verein während des Winters an sechs Abenden den Turnlehrer Beier aus Osnabrück zur Leitung der Turnübungen nach Lemförde kommen lassen. Geturnt wurde im Turnanzug mit weißem Beinkleid und langen schwarzen Strümpfen.
Beim Winterfest, das am 30. Dezember 1906 um 18.00 Uhr mit einem Festmarsch von der Ipsschen Kapelle eröffnet wurde, war der große Saal des Hotels Hollmeyer bis auf den letzten Platz besetzt. „Nun folgten die Aufführungen: das Kuplett ‚Frisch, frei, fröhlich, fromm‘, vorgetragen von den Herren Haarmeyer und Roberg, dann der Einakter ‚Strobbel u. Co‘. Das Stück wurde sehr beifällig aufgenommen, zumal der Verfasser, ein Lemförder (Herr Roberg) ist, und reicher Beifall lohnte die Darsteller. Hierauf gelangte ‚Der Hausschlüssel, oder kaltgestellt‘ zur Aufführung. Noch nie erlebte der Hollmeyersche Saal solche Lachsalven, besonders als Herr A. Roberg in seiner Rolle als ‚Heimchen‘ auftrat. Dann wurde der ‚Knopfgabelbarbier‘, eine komische Pantomime, mit großer Bravour gegeben, wobei besonders Herr Hollmann als Barbier gefiel. Auch den anderen Mitwirkenden, Frl. Kalkhake, Kämper und Weber, sowie den Herren Haarmeyer, Kämper, Meyer und Silbermann gebührt Anerkennung. Herr Turnlehrer Baier-Osnabrück produzierte sich im Keulenschwingen, eine hier noch nicht bekannte turnerische Übung.“
Auch der Turnerball am 10. März 1908, begleitet von der Ipsschen Kapelle, war gut besucht. Unterhalten wurden die Gäste durch Vorführungen der Dielinger Turner und durch Theateraufführungen.
Die Vorführungen der Turner auf der Turner-Festlichkeit am 29.12.1908 zeigten, dass die Lemförder Turner fleißig geübt hatten. Es zeichneten sich besonders die Vorturner J. Silbermann und Buddenberg aus. Auch die Nachwuchsturner S. Adelsheimer und W. Wiechmann „schienen mit dem Reck wie verwachsen zu sein, nachdem sie an dieses herangehoben waren“. Der Festball bildete den Abschluss des Abends. Der Redakteur der Diepholzer Kreiszeitung schloss aus dem sehr guten Besuch der Festlichkeit, dass das Interesse der Lemförder Bevölkerung am Turnsport wohl groß sein müsse.
Am 1. August 1909 fand in Dielingen das Turnfest des Verbandes „Friesen“ statt, das zeitgleich als 10-jähriges Stiftungsfest des Turnvereins Dielingen mit mehr als 200 Turnern gefeiert wurde. Der TV Lemförde war mit 12 Sportkameraden vertreten, von denen aber nur zwei am Turnwettkampf teilnahmen, zu dem 36 Turner aus neun Verbandsvereinen angetreten waren. Mit 79 Punkten belegte Turnkamerad Weber vom TV Lemförde den 13. Platz und erhielt eine Auszeichnung. Damit hatte er nur 17½ Punkte weniger erzielt als der Sieger. Beim Schauturnen zeigten Diepholzer Turner erstmals Übungen am Langstab. Auf besonderes Interesse stießen auch die volkstümlichen Übungen im Schleuderballwerfen, Steinstoßen und Hochspringen. Sechs Vereine beteiligten sich an einem Stafettenlauf, zu dem sich je sechs Läufer zusammenfanden, die zusammen eine Bahn von 100 Meter Länge sechsmal durchlaufen mussten. Lemförde war hierzu jedoch als einer der mitgliederschwächeren Vereine nicht angetreten.
In der Generalversammlung des TV Lemförde am 14. November 1909 fanden Vorstandswahlen statt. Herr Buddenberg wurde zum Vereinsvorsitzenden gewählt, Herr Wulf zum Schriftführer, Das Amt des Rechnungsführers, das bisher Gustav Meyer innegehabt hatte, ging auf J. Adelsheimer über. Der Posten des 1. Turnwarts, den bisher I. Silbermann versehen hatte, fiel an Carl Weber, der des 2. Turnwarts an I. Silbermann. Acht neue Mitglieder wurden aufgenommen.
In einem Inserat in der Diepholzer Kreiszeitung vom 10. August 1911 trat der Turnverein erstmals unter der Bezeichnung „Männerturnverein Lemförde“ in die Öffentlichkeit, unter der er am 7. Verbandsfest des Turnverbandes „Friesen“ am 13. August 1911 in Wagenfeld gemeinsam mit den Turnvereinen Barnstorf, Bassum, Dielingen, Diepholz, Sulingen, Nordel und Wagenfeld teilnahm. Preise konnten die Lemförder Turner nicht erringen. Zu beklagen war das Ausscheiden des Turnvereins Twistringen aus dem Verband, erfreulich dagegen, dass dem Männerturnverein Lemförde die Ausrichtung des Verbandfestes des Jahres 1912 zugesprochen wurde.
Doch die Freude währte nicht lange. Der Männerturnverein Lemförde verließ den Verband. Beim 8. Verbandsfest des Turn-Verbandes „Friesen“, das am 10. und 11. August 1912 auf dem Schützenhof in Bassum – und nicht in Lemförde – stattfand, war der Verein nicht mehr vertreten. Er war zwischenzeitlich erloschen.
Ludger von Husen
Quellen:
Diepholzer Kreiszeitung 1905-1912
TuS Lemförde, Chronik 75 Jahre TuS Lemförde e.V. von 1905, Lemförde 1980
TuS Lemförde, 100 Jahre TuS Lemförde e.V., Lemförde 2005


