Im ländlichen Raum hatte früher eine niedrige Hausnummer einen hohen Stellenwert. Denn bei der Vergabe der Hausnummern im 18. Jahrhundert wurden in den meisten Gemeinden des Amts Lemförde – mit Ausnahme der Gemeinde Hüde – Häuser und Höfe nicht der Reihe nach, sondern nach Größe und Hofklasse nummeriert. Eine einstellige Nummer bedeutete eine Zugehörigkeit zu den größten Höfen des Ortes, höhere Hausnummern gehörten zu Köttern und Neubauern. Spät entstandene Höfe und Hausstellen erhielten hohe Nummern. Von alters her waren die Hausnummern also ohne Zusammenhang über den ganzen Ort verstreut. Doch woher stammten die alten Hausnummern und seit wann gab es sie?
Brandkasse für die Grafschaften Hoya und Diepholz
Feuersbrünste stellten früher eine existentielle Bedrohung der Bevölkerung dar. War ein Gebäude abgebrannt, mussten meistens hohe Kredite aufgenommen und bedient werden, um es wieder aufzurichten. Oder aber die „abgebrannten“ Familien zogen mit „Brandbriefen“, die man ihnen ausgestellt hatte, von Ort zu Ort und bettelten.
1678 war es Gottfried Wilhelm Leibnitz, der anregte, im Herzogtum Hannover eine „Assecurations-Casse“ einzurichten, die allen Untertanen bei Unglücksfällen den Schaden ersetzen könnte. Die Untertanen sollten dazu Beiträge zahlen, also „jährlich ein Gewisses (nach ihren Mitteln) in die Assecurations-Casse zu legen schuldig“ sein. Doch hatte Leibnitz mit seinem Vorschlag keinen Erfolg.
Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Leibnitz Anregungen erneut aufgegriffen. 1750 kam es im Kurfürstentum Hannover auf Initiative des Abts Georg Ebell zu Loccum, des Vorsitzenden einer Landschaft im Fürstentum Calenberg-Grubenhagen, zur Gründung der „Brand-Assecurations-Sozietät“. Andere Landschaften eiferten bald diesem Vorbild nach. So auch die Hoya-Diepholzer Landschaft, die eine „Brand-Assecurations-Gemeinschaft“ mit der 1750 gegründeten Brandkasse des Fürstentums Calenberg initiierte.
Das Brandversicherungskataster von 1754
Die Versicherungsnehmer des Amtes Lemförde wurden 1754 erstmals in einem vollständigen Verzeichnis, einem „Brandassecuationskataster“, registriert. Hierzu gingen die Schätzer von Haus zu Haus und Hof zu Hof, maßen Länge und Breite der Wohn- und Wirtschaftsgebäude und legten deren Wert fest. Auch Kirchen- und Schulgebäude wurden erfasst, aber ihre Träger waren von Beiträgen zur Brandkasse befreit.
Anschließend wurde das Kataster erstellt. Dabei erhielt in der Reihenfolge der Klassifizierung nach Hofgrößen jedes Haupthaus eine eigene Nummer. Erst kamen die Vollmeier, dann die Leibdiener, Kötner und Brinksitzer. Für die Nebengebäude wurden Buchstaben vergeben. Es folgten der Eintrag des taxierten Werts des Gebäudes, nach der sich die Versicherungssumme richtete. Die Beiträge wurden jährlich nachträglich im Umlageverfahren erhoben. Jahre mit vielen Feuerschäden bedeuteten hohe, Jahre ohne Feuerschaden dagegen niedrige Belastungen für alle.
Das Kataster wurde auch in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich weitergeführt. Verbesserungen, Erweiterungen, Umbauten, neue Nebengebäude unter einer bestehenden Hausnummer, aber auch Abrisse mussten nachgetragen werden. Hofstellen, die nach 1754 neu hinzukamen, erhielten eine Nummer in der Reihenfolge ihrer Errichtung, die die Landschaftliche Brandkasse nach jeder pflichtmäßigen Anmeldung fortlaufend für den Ort vergab. Auf ihre Lage im Ort wurde keine Rücksicht genommen.
Einführung der Hausnummern
Die im Brandassecuationskataster für das Amt Lemförde 1754 festgeschriebenen Brandkassennummern wurden zu regulären Hausnummern, auch wenn es zunächst keine Vorschrift gab, die Gebäude mit den in den Brandversicherungskatastern registrierten Nummern und Buchstaben zu versehen. Anfang 1843 gab die Landdrostei Hannover lediglich die Empfehlung, Bleche anzubringen, „auf welchen die Brand-Assecurations-Nummer mittelst Öl-Anstrichs angegeben“ wird.
An den Gebäuden in den Gemeinden scheinen daraufhin Hausnummern angebracht worden zu sein, die sich nach der Brandkassennummer richteten. In Stemshorn und Brockum wurden hölzerne Tafeln mit der Hausnummer befestigt, in Hüde und Marl wurden die Hausnummern mit Ölfarbe an die Hauswände gemalt. In Lemförde und Lembruch wurden dagegen schwarze Zink-Platten mit gelben Nummern und gelben Buchstaben verwendet, die der Lemförder Klempnermeister Bruns gefertigt hatte.
Am 7. Juli 1853 erließ die Königlich-Hannoversche Landdrostei ein Ausschreiben wegen der Katastrierung der Gebäude jeder einzelnen Ortschaft und der Einführung fester Hausnummern. Auf der Amtsversammlung am 2. August 1853 wurde dieses Ausschreiben zur Beratung vorgelegt. Die Anwesenden hielten die beabsichtigte Einführung fester Hausnummern für angemessen, merkten jedoch an, dass die Brandkassennummern in den Ortschaften durcheinanderliefen und es zweckmäßig sei, bei der Nummerierung der Gebäude auf ihre Lage Rücksicht zu nehmen. Allerdings sahen sie die Umsetzung als zu schwierig an, da die Brandkassennummern beibehalten werden müssten, weil nach ihnen das Hypothekenbuch eingerichtet sei.
Mit Ausschreiben vom 23. Juni 1857 verfügte die Königlich-Hannoversche Landdrostei wegen der Aufnahme von Häuserlisten die Einführung fester Hausnummern und die Anbringung gleichförmiger Nummernbleche an den Häusern auf Kosten der Hausbesitzer. Auch wenn die Gemeinden Stemshorn, Brockum, Hüde und Marl die neue Kennzeichnung ablehnten, so mussten sie sich doch fügen und auf einheitliche gleichfarbige Blechnummern zurückgreifen, denn das Anbringen von Holztafeln war von nun an untersagt.
Empfohlen waren Nummernbleche des Hof-Fabrikanten Beckmann in Hannover, an den man sich nun wegen der Bestellung wandte. Dieser akzeptierte jedoch nicht die von den Gemeinden zugesandten Häuserlisten und verlangte Auszüge aus ihnen. Die Arbeit wollten sich die Gemeinden nicht machen. Sie verhandelten daraufhin mit dem Lemförder Klempnermeister Bruns wegen der Herstellung von Nummernblechen. Sie hielten es für vorteilhaft, den Produzenten vor Ort zu haben, falls ein Nummernblech erneuert werden müsste. Sie wünschten zunächst weiße Nummernbleche mit schwarzen Zahlen, griffen dann aber doch auf die schwarzen mit den gelben Zahlen zurück, die sich in Lemförde und Lembruch bewährt hatten. Bruns lieferte daraufhin die Nummernbleche für 1 Gutegroschen 6 Pfennig pro Stück und schlug sie an die Häuser an.
Anfang des 21. Jahrhunderts führte die zusammenhanglose Streuung der Hausnummern zu Schwierigkeiten. Post, Lieferdienste, Ärzte und Rettungsdienste konnten die Adressen anhand der Nummer kaum auffinden. Daher wurden in den einzelnen Gemeinden durchlaufende Hausnummern nach dem System der Orientierungsnummerierung eingeführt.
Ludger von Husen
Quellen:
NLA HA Hann. 80 Hannover Nr. 09224, Amtsversammlungen 1852-1859
NLA HA Dep. 106 Nr. 1193, Brandversicherungskataster der Grafschaft Diepholz 1754-1786
NLA HA Hann. 80 Hannover Nr. 00123/11, Ausschreiben der Landdrostei Hannover 1843-1843
NLA HA Hann. 80 Hannover Nr. 00123/23, Ausschreiben der Landdrostei Hannover 1853-1853
NLA HA Hann. 80 Hannover Nr. 00123/27, Ausschreiben der Landdrostei Hannover 1857-1857


