Tankstellen finden sich heute in fast jedem Ort. Vor hundert Jahren waren sie noch eine Seltenheit. Als Ende des 19. Jahrhunderts das Automobil erfunden wurde, machte sich sicherlich noch niemand Gedanken darüber, welche Verbreitung es einmal finden würde und welch eine Aufgabe die flächendeckende Versorgung mit Treibstoff eines Tages wäre.
Als Bertha Benz 1888 mit ihrer rund 100 Kilometer langen, heimlich mit den Söhnen organisierten Fahrt von Mannheim zur Oma nach Pforzheim einen Meilenstein der Automobilgeschichte setzte, gab es noch keine Tankstellen. Sie war auf Apotheken angewiesen, die flaschenweise Ligroin, ein Leichtbenzin, für sanitäre Zwecke verkauften.
Die rasante Entwicklung des Automobils setzte ein. Das Autofahren galt zunächst als Luxus und das Geschäft mit dem teuren Kraftstoff nahm nur langsam Fahrt auf. Etwa ab 1900 verkauften auch andere Stellen Treibstoffe. Das erste Tankstellenverzeichnis in Deutschland stammt aus dem Jahr 1909 und listet 2500 Drogerien, Kolonialwarenhändler, Fahrradhandlungen, Hotels und Gaststätten auf, die Benzin in Blechkanistern feilgeboten.
Die Mineralölgesellschaften erkannten bald das Potenzial dieses Geschäfts. Versorgungsnetze mit diversen Kraftstoffgemischen wurden ausgebaut und Zapfgeräte entwickelt, die ein sauberes Abfüllen erleichterten. An den Bordsteinen der Straßen vor Läden wurden Handpumpen-Zapfsäulen mit unter der Straßen- oder Bürgersteigdecke eingelassenen Benzintanks installiert, die die Automobile bequem anfahren konnten. Statt lästig mit Kanistern und Trichtern zu hantieren, konnte der Sprit nun direkt in den Vorratstank der Fahrzeuge gepumpt werden.
Doch mit zunehmendem Automobilverkehr ergab sich eine neue Herausforderung: Möglichst viele Kraftfahrzeuge sollten über geregelte Ein- und Ausfahrten an mehrere Zapfsäulen heranfahren können. Zapfsäuleninseln mit kleinen Überdachungen entstanden. Auch stieg die Nachfrage bei Wartungen und Reparaturen, sodass sich die Zapfstellen häufig zusammen mit Autowerkstätten entwickelten.
Seit den 1920er Jahren kam das freistehende Satteldach auf, das die tankenden Kunden und ihre Karossen gegen Regen und Schneefall schützten, während der in einem vollverglasten Kassenhäuschen wartende Tankwart den Kraftstoff auffüllte, Reifendruck und Ölstand prüfte, Scheiben wischte und das Geld entgegennahm. Die Tankstelle war geboren.
Als erste Mineralölgesellschaft begann in den 1920er Jahren die OLEX mit dem Bau von Tankanlagen und suchte geeignete Standorte. In Reaktion auf die wachsende Bedeutung von Automobilkraftstoffen wurde sie 1930 in OLEX Deutsche Benzin- und Petroleum-Gesellschaft mbH umbenannt und das Firmenzeichen 'BP', allerdings noch in den gelb-blauen OLEX-Farben, eingeführt. Mit Hilfe der Mineralölbasis ihrer britischen Mutter BP expandierte die OLEX in den 1930er Jahren zu einer der großen deutschen Kraftstoffvertriebsgesellschaften.1935 sorgten bereits im Deutschen Reich 56.000 Zapfstellen dafür, dass leere Tanks wieder aufgefüllt werden konnten, davon 10,9 Prozent von Olex. 1939 betrieb sie im Deutschen Reich bereits rund 7.000 Tankstationen.
In Lembruch waren die Jahre nach 1900 bis zum ersten Weltkrieg noch nicht vom Automobil geprägt, sondern vom Fahrrad. An der Provinzialstraße Osnabrück-Bremen, die damals noch mitten durch das Dorf Lembruch führte, hatte der Fahrradschlosser Karl Engelbrecht 1933 östlich der Straße auf dem Hof seiner Schwiegereltern, der 1912 errichteten Neubauerei Tomoor Nr. 83, in einem Geräteschuppen eine Fahrradwerkstatt mit angeschlossenem Handel eröffnete. Die Bewirtschaftung des landwirtschaftlichen Betriebs betrieb er zusammen mit seiner Ehefrau Dora als Nebenerwerb.
Einhergehend mit dem Erstarken des Tourismus am Dümmer entwickelte sich die Reparaturwerkstatt prächtig. Insbesondere an den Wochenenden war sie so ausgelastet, dass sein Bruder aus Quernheim und sein Schwager aus Lüstringen bei Osnabrück angereist kamen, damit die Arbeit geschafft werden konnte. Das Geschäft wurde auf den Handel mit Nähmaschinen und Zentrifugen der Firma Zündapp ausgedehnt.
Mit dem zunehmenden Automobilverkehr auf der Provinzialstraße begann auch in Lembruch die neue und faszinierende Autowelt: 1933/34 eröffnete die Olex Petroleum-Verkaufs-Gesellschaft mbH Gelsenkirchen eine Tankstelle, betrieben von Karl Engelbrecht. Am 11. September 1934 beantragte die OLEX, an der Werkstatt ein „BP“-OLEX-Leuchttransparent anzubringen, damit die tankenden Kraftfahrer rechtzeitig auf die Zapfsäule hingewiesen wurden.
Am 12. Februar 1937 genehmigte das Landratsamt Diepholz eine Tankanlage für 4800 Liter Benzin. 1938 wurde die Anlage durch einen Zusatztank mit einem Fassungsvermögen von 3000 Litern erweitert. Es war lt. Genehmigung ein Zapfsäulensystem der Marke „Mabag“. Die Tankstelle, die bisher am Straßenrand stand, wurde zurückverlegt und mit einer Überdachung in den Hausfarben Gelb und Blau der OLEX versehen. Dennoch blieb sie zunächst eher einfach gestaltet: Zapfsäulen und ein Ölschrank unter einem auf zwei Stahlrohr-Säulen ruhenden Blechdach, das musste reichen.
Noch im selben Jahr beantragte die OLEX die Hinzunahme einer Gasöl-Abgabestelle für Lastkraftwagen und Dieselwagen-Besitzer. Die Lagerung sollte in einem Tank mit einem Fassungsvermögen von 25.000 l erfolgen, die Ausgabe durch eine Pumpvorrichtung. Allerdings sollte die beabsichtigte Tankstelle auf einem Gemeindeweg errichtet werden und es gab feuerpolizeiliche Bedenken wegen der Nähe des Schuppens und eines reetgedeckten Wohnhauses. Zudem lagen Klagen der Anwohner wegen ruhestörenden Lärms vor, da die tankenden Kunden sich während der Nacht durch Hupen bemerkbar machten. Der Regierungspräsident in Hannover lehnte 1939 den Antrag schließlich mit der Begründung ab, dass für die Errichtung der Gasöl-Tankstelle ein dringendes Bedürfnis des Verkehrs nicht anzuerkennen sei, obwohl an der Fernstraße 51 zwischen Bremen und Osnabrück bisher noch keine Gasöl-Tankstellen vorhanden seien.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war vorerst Schluß mit dem ungebremsten Wachstum, Mineralölindustrie und -verkauf wurden nun staatlich kontrolliert und rationiert. Für den Privatmann gab es Benzin nur auf Marken. Für die Tankstelle Engelbrecht begann eine harte Zeit. Die Zahl der Kunden aus dem eigenen Dorf war unbedeutend, Kundschaft brachte demnach fast ausschließlich der Durchgangsverkehr. 1940 wurde die OLEX unter deutsche Zwangsverwaltung gestellt, unter der sie bis 1951 verblieb. Sie firmierte 1950 in BP Benzin- und Petroleum-Gesellschaft mbH um und übernahm die gelb-grünen Hausfarben der BP.
Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs blieb Kraftstoff nach wie vor ein rares Gut und hauptsächlich dem Militär vorbehalten. Am 1. April 1951 wurde die Zwangsbewirtschaftung schließlich aufgehoben, der freie Markt kehrte zurück und die Konzerne begannen wieder wesentlich intensiver, am Ausbau ihrer Netze zu arbeiten. Von nun an ging es rasant aufwärts. Die steigende Zahl von Kraftfahrzeugen brachte die nötige Kundschaft an die Zapfsäulen. 1950 gab es in Deutschland eine halbe Million Autos, 1953 waren es schon 1,8 mal so viele wie vor dem Krieg. 1960 fuhren 3,7 Mio. Kraftfahrzeuge auf Deutschlands Straßen.
Karl Engelbrecht weitete sein Geschäft aus und bot Taxifahrten mit einem Automobil der Marke „Hanomag Kurier“ an. Unterstützt wurde er durch seine Töchter Lieselotte und Irmgard, die bereits in jungen Jahren ihre Führerscheinprüfung absolviert hatten und somit zu den ganz wenigen Frauen in der Region gehörten, die eine Fahrerlaubnis besaßen. Doch nicht nur in der Landwirtschaft und als Taxifahrerinnen, auch an der Tankstelle wurden sie eingespannt.
Man gönnte sich wieder etwas. Und das galt auch für das Tanken des eigenen Autos. Die Industrie hatte das längst erkannt. Design, Auftritt, Service und auch das Angebot an immer "besseren" Benzinmischungen waren die Anfänge des modernen Kraftstoff-Marketings. Große, neonstrahlende Tankanlagen, die den Kunden von der Straße locken sollten, entstanden. Die Tankstelle Engelbrecht konnte sich diesem Trend nicht verschließen. Quer zum Wohnhaus wurde 1952/53 ein Gebäudeteil angebaut, an dessen Giebelseite zur Straße hin sich ein neues Tankstellendach anschloss. Der neue Anbau mit großen Schaufenstern nahm den Verkaufsraum für Fahrräder und das Büro mit Kasse auf.
Die Tankstelle wurde zu einem modernen Betrieb ausgebaut. Das Geschäftsfeld Autoreparatur und Verkauf erlangte immer größere Bedeutung. Schwiegersohn Willi Kammerahl, der 1949 Karl Engelbrechts Tochter Lieselotte geheiratet hatte, wurde als Kfz-Meister immer mehr zur treibenden Kraft. Es entstand ein Autohaus zum Vertrieb der Marken 'Simca-Chrysler-Talbot'.
Nach dem Tod Karl Engelbrechts übernahmen 1967 Willi und Lieselotte Kammerahl den Betrieb. Die Tankstelle wurde in Zusammenarbeit mit der BP mehrmals modernisiert und umgestaltet. Eine moderne Halle für die Autowerkstatt wurde errichtet. Doch Anfang der 1970er Jahre schlug das Schicksal erneut zu: Firmeninhaber Willi Kammerahl verstarb in noch jungen Jahren und seine Ehefrau Lieselotte musste zusammen mit ihrem nicht einmal 20 Jahre alten Sohn Karl-Heinz den Betrieb übernehmen.
Der Fahrradverkauf wurde beibehalten und noch für lange Zeit war der altbekannte, immer freundliche und hilfsbereite Tankwart für die Befüllung verantwortlich, bis die Ölkrise von 1979/80, steigende Personalkosten, steigende Benzinpreise und strengere Umweltauflagen die Tankstellenbranche immer mehr belasteten und sich Anfang der 1980er Jahre die BP zurückzog. Die Tanksäulen wurden demontiert, die Familie Kammerahl gab den Betrieb auf.
Es folgten einige Jahre des Leerstands. Der Verkaufsraum wurde zwischenzeitlich auch als ‚Surfshop‘ genutzt. Doch die Lage des Betriebs an der vom Verkehr stark frequentierten Bundesstraße 51 weckte Interesse. Der Mineralölvertrieb Holtkamp stieg in den Betrieb ein. Moderne Tankanlagen wurden installiert. Der Zweiradmechaniker Michael Holy übernahm die neue ‚Bft-Tankstelle‘ und eröffnete ein Zweiradgeschäft mit Reparatur.
2013 gab Holy den Standort auf und siedelte sein Zweiradgeschäft am Ortseingang in Lembruch an. Die Tankstelle übernahm die Firma Rolfes und führt sie bis heute als EC-Karten-Tankstelle.
Ralf und Monika Stubbe, Ludger von Husen
Quellen:
SgA Lemförde, LEM C 3 Nr. 473, Engelbrecht 1937-1939
SgA Lemförde, LEM C 3 Nr. 490, Tomoor 1912
SgA Lemförde, LEM C 3 Nr. 738, Anbringung eines Transparents an die Werkstatt der Tankstelle Engelbrecht 1934-1936
SgA Lemförde, LEM J 3 Nr. 3, Niederschrift der Ratssitzungen der Gemeinde Lembruch 1929-1953
SgA Lemförde, LEM A 4 Nr. 626, Genehmigung zum Überbau der Schoddenlohne und zur Bebauung eines öffentlichen Platzes durch die Gemeinde Lembruch für Karl Engelbrecht 1937







