„Radfahrkarte“, das klingt heute nach einer Straßenkarte mit extra Routen für Radler. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sie in der Gemeinde Stemshorn eine ganz andere Funktion. Sie musste auf den Namen des Fahrers ausgestellt, eigenhändig unterschrieben und von der Behörde des Wohnorts ausgestellt sein. Die Gültigkeitsdauer betrug nur ein Jahr. Es war somit ein Führerschein für Fahrräder, der jedes Jahr neu beantragt werden musste. Ein Passbild war nicht erforderlich, wohl aber auf der Rückseite der Karte Angaben zum Alter, zur Statur, zu den Haaren und zu besonderen Kennzeichen, die eine Identifizierung des Radlers zuließen. Bis in die 1920er Jahre hinein musste man in Preußen, also auch in Stemshorn, bei Fahrten mit dem Rad eine „Radfahrkarte“ bei sich haben. Dann wurde er abgeschafft. Der Verwaltungsaufwand war zu groß.
Im Samtgemeindearchiv Lemförde liegt unter der Signatur LEM A 7 Nr. 218 ein Verzeichnis über die ausgestellten Radfahrkarten der Gemeinde Stemshorn vor. Die jährliche Beantragung einer Radfahrkarte begann 1901, als in der Gemeinde gegen eine Gebühr von 10 Pfennig 20 Radfahrkarten ausgestellt wurden. Die Antragsteller waren zwischen 16 und 38 Jahre alt. Nur der Kaufmann Ernst Völkening fiel mit 52 Jahren aus dem Rahmen.
Das Verzeichnis zeigt, dass auch in einer kleinen ländlichen Gemeinde Norddeutschlands, wie Stemshorn, in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts das Fahrrad bereits ein begehrtes Fortbewegungsmittel war. Die Vorwärtsbewegung in der Ebene erforderte geringere Muskelkraft als das Gehen und die Geschwindigkeit war gut dreimal so hoch. Die Ausnutzung von Gefällen kam erst um 1904 richtig zum Tragen, nachdem Ernst Sachs die Freilaufnabe erfunden hatte und später hierzu die Rücktrittbremse entwickelte.
Die Begeisterung für das Radfahren in der Gemeinde Stemshorn wuchs. Im Mai 1906 wurde der Radfahrverein „Stimm ins Horn“ mit 15 Mitgliedern gegründet. Noch im selben Jahr traten 17 weitere Mitglieder bei. Bis zum 1. Weltkrieg (1914-1918) erfreute sich der Radfahrverein großer Beliebtheit, kam jedoch mit Ausbruch des Krieges zum Erliegen. Erst 1919 konnte die Vereinstätigkeit wieder aufgenommen werden.
Der Fokus der Menschen verlagerte sich, der Fahrradkult ebbte ab und machte Platz für Automobile, die nun als Transportmittel der Zukunft galten.
Ludger von Husen


