73 Feuerstellen, 62 Nebenhäuser, 39 Scheunen, das Schulhaus und die Kirche gingen in Flammen auf. Zwar waren keine Toten zu beklagen, doch gerieten 109 Familien „in den erbarmungswürdigsten Zustand, in dem sie fast nichts als ihr Vieh behalten haben, welches sie nicht durchfüttern können“. Doch warum war das Feuer so verheerend? Welche Konsequenzen ergaben sich für den Wiederaufbau?
Der Brand brach in den Nachmittagsstunden in der Scheune des Einwohners Bünger Nr. 42 aus. Dass er zu Brockums Großem Brand wurde, hatte mehrere Ursachen: der Zustand des Feuerlöschwesens, die Bauweise der Häuser, die Anlage des Dorfes, das Verhalten der Bewohner, das trockene Klima und der ungünstige Wind. Im Grunde war es, wie bei vielen Katastrophen in der Geschichte, eine Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände.
Der 16. September 1822 war ein drückend heißer Spätsommertag nach langen Wochen ohne Regen. Die Hecken zwischen den Häusern waren grau-gelb und dürr vor Trockenheit. Die gesamte Getreideernte lag in den Scheunen. Das Feuer fand reichlich Nahrung. Die Gebäude im Dorf standen eng beieinander, waren in Holzbauweise errichtet und mit Stroh gedeckt, sodass die Flammen leicht auf andere Gebäude übergreifen konnten.
Hinzu kam eine mangelhafte Brandvorsorge. Das Löschwasser konnte fast ausschließlich nur aus wenigen vorhandenen Brunnen bezogen werden. Durch die andauernde Trockenheit war jedoch der Grundwasserstand gesunken und das Wasser musste aus tieferen Bereichen ans Tageslicht befördert werden. Dies hatte zur Folge, dass nicht schnell genug genügend Löschwasser für die herbeigeeilten Feuerspritzen zur Verfügung stand. An Feuerlöschgerätschaften waren im Dorf neben einigen Feuerhaken nur die ledernen Noteimer vorhanden. Die Dorfbewohner bildeten Eimerketten zum Transport des Wassers zu den Feuerkübeln. Doch die meisten Männer des Dorfes waren zu dieser Zeit außerhalb des Dorfes auf den Feldern, als sie das Feuer sahen, und die Frauen und die Alten konnten einen Brand dieses Ausmaßes nicht schnell und effektiv genug bekämpfen.
Die Brockumer Bevölkerung stand dem Inferno hilflos gegenüber. Durch Funkenflug und herabstürzende Gebäudeteile verbreitete sich das Feuer im Nu, angefacht durch den herrschenden Wind. Erst nach drei Stunden konnte es eingedämmt werden. Erhalten blieben lediglich das neue, mit Ziegeln gedeckte Pfarrhaus, die beiden Windmühlen und die Häuser von Gräber, Krone Nr. 7, Rensmeyer Nr. 21 und Wendt Nr. 40. Die abgebrannten Familien fanden vorerst in Lemförde und Quernheim eine Notunterkunft.
Der Wiederaufbau des Dorfes begann. So vermeldete das Amt Lemförde bereits am 19. September 1822, dass die ersten Abgebrannten bereits Häuser auf den Abbruch zum sofortigen Wiederaufbau angekauft hätten. Es drängte daher auf die baldige Auszahlung der Brandkassengelder aus der Hoya-Diepholzer Brandkasse gemäß der Verordnung vom 24.12.1755. Es forderte die Landdrostei in Hannover auf, unverzüglich Stellung zu einem zweckmäßen Bauplan für den Wiederaufbau des Dorfes zu nehmen.
Um das Überspringen von Flammen künftig zu vermeiden, ordnete die Landdrostei mit Reskript vom 25. September 1822 an, von den 73 abgebrannten Feuerstellen 26 auf der nah am Dorfe gelegenen Gemeinheit an der Ostwestseite des Dorfes in mindestens 300 Fuß Entfernung voneinander zu errichten. Die übrigen sollten im Dorf selbst, allerdings in größerer Entfernung voneinander als vorher, wieder aufgerichtet werden. Die abgebrannten Hausbesitzer wurden aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen, ob sie zum Hinausbau aus dem Dorf bereit wären. Mehr als die 26 vorgesehenen Hausbesitzer entschieden sich für den Hinausbau aus dem Ort. Das Amt musste daher mehreren die Einwilligung verweigern.
Im Herbst 1822 erfolgte die Anweisung der Bauplätze durch das Amt Lemförde. Diese war bindend, wie das Beispiel des Halbmeiers Fenneker Nr. 33 zeigt. Dieser hatte sich für einen Verbleib im Dorf ausgesprochen, da er so weiterhin in der Mitte seiner umliegenden Grundstücke wohnen bleiben konnte. Das Amt hatte ihm daraufhin einen Teil seines früheren Haus- und Hofplatzes und einen Teil eines angrenzenden Gartens zugewiesen. Als Fenneker erkannte, dass der bisherige Hofraum zu klein sein würde, das geplante neue Wirtschaftsgebäude aufzunehmen, beantragte er eine Verlegung des Hofes auf ein ihm gehörendes Grundstück von schlechter Bodenqualität im weißen Sande. Die Landdrostei in Hannover verweigerte ihm die Erlaubnis mit Verweis auf seine zuvor getroffene Entscheidung.
Seitens der Obrigkeit versuchte man durch Baubestimmungen die Brandgefahr einzudämmen. So sollten die Abgebrannten bewogen werden, beim Wiederaufbau die Dächer mit Ziegeln zu decken. Dies stieß jedoch auf Widerstand, da es ihnen an Geld zum Kauf von Ziegeln fehlte. Das Stroh dagegen konnten sie unentgeltlich in den Nachbarorten oder durch den Abbruch der angekauften Häuser bekommen. Auch das Anlegen von Schornsteinen schien finanziell nicht möglich. Die Landdrostei nahm auf die Not der Brockumer Rücksicht und beließ es mit Schreiben vom 2. Oktober 1822 bei Empfehlungen. Sie bot an, den Erwerb von Ziegeln mit Landfolgen und der Freiheit von Zollabgaben zu unterstützen.
Die Hilfsbereitschaft aus den Nachbargemeinden und den umliegenden Landschaften war groß. Sehr entgegen kam den Abgebrannten das Angebot, ihr Vieh auszufüttern, da ihnen der Dünger entzogen war. Kostenlose Hand- und Spanndienste wurden geleistet, Baumaterialien, Kleidung, Geld und Nahrungsmittel gespendet. Viele Bauherren mussten erhebliche Darlehen zur Finanzierung ihres Bauvorhabens aufnehmen, da ihre Gebäude zumeist unterversichert waren. Sie baten um Unterstützung aus den eingegangenen Spenden, die sich auf etwa 7.000 Taler beliefen. Besonders hart traf es den Halbmeier Frerking. Dieser hatte erst kurz vor dem Brand seine Hofgebäude, die aus Wohnhaus, Nebenhaus, Schafstall, Scheune und Backhaus bestanden, aufwändig repariert und beabsichtigte, sie zu 1.300 Taler in die Brandkasse eintragen zu lassen. Dazu war es jedoch nicht mehr gekommen, sodass sie mit 500 Talern erheblich unterversichert waren. Fenneker bat daher um eine höhere Vergütung, die jedoch abgelehnt wurde. Im März 1823 waren bereits alle milden Geldspenden verteilt. 13.000 Taler an Brandkassengeldern waren ausgezahlt, etwa 6.4446 Taler noch nicht abgerufen.
1827 konnte die Gemeinde Brockum mit dem Neubau des abgebrannten Schulhauses beginnen, für den ca. 1.580 Reichstaler bereitstanden. 1831 erfolgte die Genehmigung zum Wiederaufbau der Kirche, für den Kosten von ca. 5.815 Rt. veranschlagt wurden. Diese sollten hauptsächlich durch Kollekten und einen einzurichtenden öffentlichen Fonds gedeckt werden.
Die Landdrostei zog aus der Brandkatastrophe erste Lehren und erließ am 24. Februar 1824 die baupolizeiliche Bestimmung, dass bei Ausführung neuer Bauten von nun an in den Gemeinden des Amts Lemförde darauf geachtet werden musste, eine Entfernung von 80 Fuß zu benachbarten Gebäuden einzuhalten. Ausgenommen war der Flecken Lemförde, in dem die Lage der Gebäude häufig einen bedeutenden Einfluss auf den Fortgang eines Gewerbes hatte.
Am 9. August 1830 zeigte sich, dass die Entscheidung der Landdrostei, die Umsetzung der neuen baupolizeilichen Bestimmungen für Brockum wegen der Not der Bewohner nur zu empfehlen, zu hinterfragen war. An diesem Tag brach gegen 21.00 Uhr im Haus des Anbauers Kettler ein Feuer aus, das auf das Haus des Kötters Schmutte übergriff. Beide Häuser waren nur durch die Breite eines Fahrwegs voneinander getrennt. Alle Nachbarhäuser besaßen entgegen der Empfehlung der Landdrostei Strohdächer, das Fachwerk der Gebäude war durch die herrschende große Hitze ausgetrocknet, den Helfern stand nach wie vor kein anderes Wasser zur Verfügung als das, was nach und nach mit Eimern aus den Hausbrunnen geschöpft werden konnte. Das Feuer löschen zu wollen, wäre daher vergeblich gewesen. Von den herbeigeeilten Feuerspritzen konnten sich nur die beiden Lemförder Spritzen darauf konzentrieren, ein Ausbreiten des Feuers auf das ganze Dorf zu verhindern. Die übrigen Spritzen konnten wegen Wassermangels nicht eingesetzt werden. Nur mit Glück entging Brockum an diesem Tag einem erneuten Brandinferno.
Das Amt Lemförde bat daraufhin die Landdrostei eindringlich, die Verfügung zu erlassen, bei dem in Brockum herrschenden ständigen Wassermangel das Haus des Anbauers Kettler aus dem Dorf hinauszubauen, da es dem Haus Schmutte zu nahegestanden hatte, und beide nicht wieder mit Stroh, sondern mit Ziegeln zu decken.
Das Erscheinungsbild des Dorfs Brockum ist heute das des Wiederaufbaus. Der Hinausbau der Gehöfte aus dem Ortskern an die Ostwestseite des Dorfes ist an den rechtwinkelig angelegten Straßen deutlich auszumachen. Die tiefen Narben, die der große Brand von 1822 im inneren Ortsbild hinterlassen hat, lassen sich nur noch erahnen.
Ludger von Husen
Quellen:
NLA HA, Hann. 80 Hannover, Nr. 09246, Ausgebrochene Feuersbrünste 1822-1856
NLA HA, Hann. 80 Hannover, Nr. 09251, Entfernung der zu errichtenden Gebäude von den benachbarten Gebäuden 1823-1823
NLA HA, Hann. 80 Hannover, Nr. 0931, Bau und Reparaturen an den kirchlichen und geistlichen Gebäuden zu Brockum 1827-1843
NLA HA, Hann. 80 Hannover, Nr. 09320, Bau der Lemförder Predigerwohnung und des Brockumer Schulhauses 1830-1833
NLA HA, Hann. 80 Hannover, Nr. 09316, Neubau der Kirche zu Brockum 1831-1831
Gerke, Hans, Der große Brand von 1822, in 1000 Jahre Brockum, Diepholz 1969



