Kreistierschauen hatten im Landkreis Diepholz eine lange Tradition und einen festen Platz in dieser stark landwirtschaftlich geprägten Region. Sie standen für hohe Besucherzahlen und ein interessiertes Fachpublikum. Das war nicht zuletzt auf die hervorragenden Zuchtergebnisse aus der Region zurückzuführen und auf die engagierten Tierzüchter, die bereit waren, mit großem Aufwand ihre Tiere zu zeigen.
Das Kreistierschaufest 1925 war ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis im ländlich geprägten Lemförde. Man zeigte sich gern zwischen der Preisverleihung, dem Platzkonzert der Nolteschen Kapelle, der Versteigerung und dem Festessen – natürlich im guten Kleid oder im Anzug mit Binder und fast immer mit Hut. Den Höhepunkt bildete der Festball am Abend. Eine gute Gelegenheit, um auf Brautschau zu gehen.
Der Auftrieb und die Aufstellung der Tiere setzte am Donnerstag gegen 6 Uhr morgens ein. Um 8 Uhr begann die eigentliche Tierschau. Prächtige Zuchtstuten und ihre Fohlen, Rinder wurden an den Preisrichtern entlanggeführt. Nur die besten Zuchterfolge waren an diesem Tag in Lemförde zu sehen. Die Jury stellte der Landwirtschaftliche Verein Diepholz als Ausrichter. Um 12 Uhr wurden die preisgekrönten Tiere vorgeführt und die Preisgelder und Bänder entgegengenommen. Das Festessen war auf 14 Uhr terminiert. Die Noltesche Kapelle aus Diepholz spielte auf dem Festplatz zum Konzert auf. Nachdem sich die Besucher gestärkt hatten, wartete die Versteigerung von Pferden, Fohlen, Zuchtbullen und Rindern auf die Besucher, Um 17 Uhr begann dann der große Festball.
Den Freitag eröffnete um 13 Uhr ein Platzkonzert. Es folgten Vorführungen landwirtschaftlicher Geräte, Schaupflügen, Reiterspiele, Reit- und Fahrturniere. Er endete mit einem abschließenden Ball.
Erstmals wurde auf dem Kreistierschaufest den Gästen eine Gewerbeschau geboten, obwohl die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs noch deutlich spürbar waren. Weder standen den Unternehmen und Geschäften ausreichend Rohstoffe zur Verfügung, noch gab es Absatzmöglichkeiten. Es mangelte an Arbeitsplätzen für die heranwachsende Generation. Unter diesen Rahmenbedingungen war zu Beginn der 1920er Jahre an einen wirtschaftlichen Neuanfang oder gar einen Aufschwung nicht zu denken. Dennoch hatte sich der Ausrichter entschieden, mit der Gewerbeschau die heimische Wirtschaft anzukurbeln und für die Leistungsstärke des heimischen Handwerks und Gewerbes und den Standort Lemförde zu werben.
Im Anschluss an die Festhalle wurde ein Zelt für die Gewerbeschau errichtet, das ein Schmuckstück der Kreistierschau darstellte. Daneben wurde ein Platz zur Präsentation landwirtschaftlicher Maschinen hergerichtet. Aus den verschiedensten Orten des Kreises und aus dem benachbarten Kreis Lübbecke waren Anmeldungen eingetroffen, sodass der Landwirtschaftliche Verein Diepholz als Ausrichter 19 ausstellende Firmen begrüßen konnte. Aus dem Lemförder Bereich waren vertreten: Tiefermann, Lemförde (Teppiche), Drop, Stemshorn (Motor- und Fahrräder, Nähmaschinen), Heinr. Lindemann, Lemförde (Sämereien), Heinr. Wulf, Lemförde (Manufaktur- und Modewaren), Bernh. Horwitz, Lemförde (Manufaktur- und Modewaren), Carl Sander, Lemförde (Grudeherde), Reineberg, Marl (Fahrräder) und Aug. Denker, Lemförde (Sattlerei).
Auch wenn die Kreis-Tierschau verregnet war und nach dem ersten Tag sogar der Abbruch drohte, verzeichnete die Gewerbeschau im Gegensatz zur Ausstellung der landwirtschaftlichen Maschinen, die weniger gut bestückt war, eine positive Resonanz. Die zahlreich angereisten Besucher bewunderten die ausgestellten Arbeiten und Produkte. Die Gewerbetreibenden waren jedenfalls mit dem Ergebnis zufrieden und erhofften eine Aufwärtsentwicklung des heimischen Mittelstands.
Ludger von Husen
Quellen:
Diepholzer Kreiszeitung v. 13.03.1925, 26.08.1925, 05.09.1925, 06.09.1925
Kreis-Tierschau des Landw. Vereins Diepholz in Lemförde am 3. und 4. September 1925 verbunden mit einer Gewerbe- und Saatgut-Ausstellung. Buchdruckerei Hermann Stubbe, Diepholz 1925





